23.02.2018 - 14:45

Andreas Huber im Interview

Unser ehemaliger Geschäftsführer und jetziger Geschäftsführer des Clube of Rome Deutschland hat dem Donaukurier ein Interview gegeben (erschienen am 22.2 auf donaukurier.de), indem er aufzählt, was jeder selbst gegen die Klimakrise unternehmen kann.

Herr Huber, bei dem Eichstätter Seminar geht es um den neuen Bericht des Club of Rome mit dem Titel „Wir sind dran“. Sie werden über den aktuellen Stand der Klimakrise berichten? Wie sieht es aus?


Huber: Erschreckend. Jemand hat einmal gesagt, rechtzeitiger Klimaschutz ist der der ultimative Intelligenztest der Spezies Mensch. Ich fürchte, dass wir diesen Intelligenztest nicht bestehen. Wir haben immer noch nicht erkannt, mit welchen Herausforderungen wir konfrontiert werden. Der Meeresspiegel steigt schneller an als gedacht, die Extremwetterzustände nehmen überall auf der Welt zu. Es heißt, wir werden mehr Flüchtlinge haben aufgrund der Klimaveränderung. Die Menschen, die keine Perspektive mehr haben, werden ihre Siedlungsräume verlassen müssen. Es ist also erschreckend, und mit einer erschreckenden Langsamkeit reagieren wir darauf – obwohl die Lösungen vorhanden sind.

Im neuen Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD von den Klimazielen 2020 verabschiedet. Ist das nicht ehrlicher – wo sie doch nicht einzuhalten sind?


Huber: Es ist ein verheerendes Signal. Wir müssten eigentlich ambitioniertere Ziele festlegen, auch wenn die vielleicht nicht so realistisch sind. Aber man hätte eine neue Vision gebraucht um zu sagen: Wir tun jetzt wirklich alles, um die Ziele zu erreichen – auch wenn das eine große Herausforderung wird. Dem Klimaschutz nicht die größte Priorität einzuräumen ist verheerend.

Die Politik will Diesel-Fahrverbote in Städten unbedingt vermeiden und hat das Milliardenprogramm „Saubere Luft“ auf den Weg gebracht. Wird das funktionieren?


Huber: Ich bin da sehr skeptisch. Das wird nicht funktionieren, wenn wir das nur auf die Mobilität beziehen, wie wir sie heute haben – also wenn jeder ein eigenes Auto besitzt. Wir brauchen ein anderes Mobilitätsdenken.

Und wie könnte das aussehen?


Huber: Man könnte tatsächlich Fahrverbote einführen in Städten, und zwar so, dass überhaupt kein privates Auto mehr reinkommt. Dann muss man das System aber völlig umkrempeln und entsprechende Angebote für öffentlichen Nahverkehr oder Car-Sharing zur Verfügung stellen. Wir brauchen eine völlig neue Form der Mobilität. Das Bedürfnis, von A nach B zu kommen, muss man ganz anders denken als: Ich setzte mich in mein Auto und fahre dorthin.

Vor 45 Jahren erschien vom Club of Rome der Bericht „Grenzen des Wachstums“ mit düsteren Zukunftsprognosen. Heute ist unsere globale Wirtschaft immer noch auf Wachstum ausgerichtet – vielleicht doch der richtige Weg?


Huber: Nein, das ist er nicht. Wie im neuen Bericht „Wir sind dran“ gesagt wird, gehen wir mit den falschen Antworten an die richtig analyisierten Probleme ran. Natürlich ist materielles Wachstum in manchen Regionen noch wichtig, wo Menschen keine Häuser haben und es keine Infrastruktur gibt. Aber in Deutschland oder in Europa ist ein Wachstum, wie wir es heute definieren, nicht immer notwendig. Man muss sich überlegen, welche Kriterien noch eine Rolle spielen für das Wohlergehen und Wohlbefinden der Menschen. Das wird völlig außer Acht gelassen. Wenn diese Dinge stärker gefördert werden – zum Beispiel bessere Bildung, bessere kulturelle Angebote oder eine andere Art der Mobilität – dann würde das auch Wachstum erzeugen. Oder auch die Pflege – in Deutschland ein ganz wichtiges Thema. Da kann sehr viel wachsen. Viele Politiker scheuen sich zu sagen, wir setzen jetzt auf eine andere Art des Wachstums. Das größte Problem ist, dass sich keiner vorstellen kann, dass es auch anders funktioniert.

Wenn ich Ihre Ausführungen deute, sind wir also nicht dran an den Problemen.


Huber: Der Titel „Wir sind dran“ ist bewusst doppeldeutig: Er sagt, dass jetzt wir an der Reihe sind – so soll er auch verstanden werden. Aber er soll auch klar vermitteln, wenn wir jetzt nichts tun, dann geht’s uns an den Kragen. Wir sind in den nächsten fünf bis zehn Jahren in der Pflicht, für kommende Generationen die Weichen zu stellen für eine neue Welt. Irgendwann wird ein anderes System kommen: Ob uns die Natur oder der Planet dazu zwingen oder ob wir es selbst schaffen in einen friedlichen Übergang, wird sich noch zeigen. Aber die Menschen in 30 Jahren werden auf uns zurückblicken uns sagen: Warum haben die nicht schneller die notwendigen Beschlüsse gefasst? Wir wissen ja alle, dass es so nicht weitergehen kann. Es fehlt uns nur der Mut, endlich etwas im großen Stil zu verändern – politisch wie im kleinen Leben.

Was macht Mut?


Huber: Jeder kann sofort etwas tun im Kampf gegen die Klimakreise: Echter grüner Strom, Spenden für Baumpflanzungen, regionaler und saisonaler Konsum und nachhaltige Geldanlagen. Das hört sich alles nach „klein klein“ an, aber in Summe ist es ja genau dieses „klein klein“ jedes Einzelnen, das unseren Planeten zerstört, also können wir damit auch was positives bewirken! Insbesondere Baumpflanzungen sind ein Schlüssel. Die Schüler- und Jugendinitiative Plant-for-the-Planet hat das Ziel 1.000 Milliarden (kein Fehler!) Bäume zu pflanzen. Diese Bäume könnten bis zu 50 % der heutigen jährlichen menschengemachten CO2-Emissionen binden. Sehr motivierend ist auch das bald erscheinenden Buch von Club of Rome Mitglied Radermacher „Der Milliarden-Joker - Freiwillige Klimaneutralität und das 2°C-Ziel“. Es beschreibt, wie Deutschland der erste klimapositive Staat der Welt werden könnte.