18.01.2017 - 10:30

Konzernatlas 2017: Viel Grund zur Besorgnis und einige Hoffnungsschimmer

Als Kooperationsprojekt von Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Oxfam Deutschland, Germanwatch und Le Monde diplomatique veröffentlicht der Konzernatlas 2017 Daten und Fakten zu den wichtigsten Unternehmen der Agrar- und Lebensmittelindustrie.

In verschiedenen Artikeln werden von den vor- über die nachgelagerten Branchen bis hin zum Einzelhandel alle Aspekte der Produktionskette unter die Lupe genommen. Um die Ausbreitung der Agrarindustrie nach westlichem Modell nachzuvollziehen, wird dabei auch auf die geschichtliche Entwicklung der Konzerne hin zu ‚Global Playern‘ eingegangen. So zeichnet sich ein Bild von immer weniger Konzernen ab, welche durch Übernahmen und Fusionen einen immer größeren Anteil am weltweiten Umsatz generieren. Bei der Betrachtung der Übernahmetrends lässt sich dabei ein grundlegender, struktureller Wandel erkennen. Großkonzerne sehen nicht mehr bloß Konkurrenten als potenzielle Übernahmepartner, sondern nehmen bei ihrer Expansionspolitik vor- und nachgelagerte Teile der Lieferketten in den Blick (siehe Bild 2). Resultat sind „‘Global Player‘, die nicht mehr nur in einem Land, sondern auf der ganzen Welt tätig sind“ (Konzernatlas, S. 10).

Die Folgen solchen Wachstums sind unübersehbar. Für das Beispiel großer Zucker- und Palmölplantagen sind etwa „Arbeitsbedingungen nach kolonialem Muster, Bezahlung nach Stücklohn und schlechter Arbeitsschutz“ (Konzernatlas, S. 13) charakteristisch. Neben solch prekären Beschäftigungsverhältnissen stellen die Qualität von Böden und Wasser, der Erhalt der Biodiversität und die Bindung von Kohlenstoffdioxid eine enorme Herausforderung dar. Oxfam und Co. sehen dabei beispielsweise transnationale Handelsnetzwerke für chemische Düngemittel, der Einsatz gentechnischer veränderter Nutztiere und die Ausbreitung digitaler Agrartechnik als Merkmale eines Prozesses, der auf Kosten von Erzeugern, Konsumenten und Umwelt abläuft.

Die Lösung solcher Probleme gestaltet sich schwierig. So muss sich beispielswiese „der Nahrungsmittelsektor, der bislang wenig Verantwortung für die Folgen seines Wirtschaftens außerhalb der Unternehmen gezeigt hat, […] auch mit den Themen Hunger, Klimawandel, Vergeudung und Nachhaltigkeit, Krankheit und Gesundheit, Recht und Unrecht auseinandersetzen“ (Konzernatlas, S. 11). Auf Seiten der internationalen Politik wäre dabei eine entschlossene Handlungsstrategie nötig. Der dafür nötige Spielraum wird jedoch zunehmend durch die Einflussnahme von Unternehmen wie Nestlé, Bayer und Cargill beschnitten. Als Druckmittel dienen dabei beispielsweise die Androhung von Arbeitsplatzabbau oder schwerwiegenden Preisschwankungen von Agrarprodukten und Lebensmitteln. Institutionen wie die ‚Food and Agriculture Organisation‘ (FAO) der Vereinten Nation, die Weltbankgruppe oder staatliche Akteure werden so durch die Riesen der Branche zu Deregulierung von Handel und Produktionsstandards gezwungen.

Ein Hoffnungsschimmer angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklungen ist der Zuwachs von kleinbäuerlichen Allianzen. Anbau und Erzeugung orientiert sich dabei häufig entlang des Konzepts der ‚Agrarökologie‘. Im Kern bedeutet dies die Anpassung landwirtschaftlicher Produktion an lokale Ökosysteme. Beispielsweise wird durch den Anbau von Mischkulturen auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet und ausschließlich Naturdünger anstelle von synthetischem Industriedünger verwendet. In Europa findet das Konzept durch das Netzwerk ‚Solidarische Landwirtschaft‘ (SoLaWi) zunehmend Unterstützung. Und auch auf globaler Ebene werden beispielsweise durch das ‚System des intensivierten Reisanbaus‘ (SRI) die Vorteile der Agrarökologie in die Tat umgesetzt.

Wir als Global Marshall Plan Initiative treten für eine Ökosoziale Marktwirtschaft ein, die sich an ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit orientiert – und dabei auf einem qualitativen statt quantitativem Wachstumsverständnis fußt. Speziell im Feld der Agrar- und Lebensmittelindustrie, dessen Versagen oder Fehlkalkulationen gravierende Folgen hervorrufen kann, ist die Integration klarer Regeln und Haftungsmechanismen vonnöten. Der wirtschaftliche Umgang mit natürlichen Ressourcen sollte sich deshalb auf globaler, nationaler und regionaler Ebene an den Maximen der Verantwortung, Kostenwahrheit und des Verursacherprinzips orientieren. Ein dahingehender Wandel erfordert nicht nur eine an Menschen- und Freiheitsrechten orientierte politische Rahmenvorgabe für die globale Agrarwirtschaft. Sondern auch die Einbindung aller betroffenen Menschen.

Den vollständigen Bericht mit allen Daten und Fakten zu Entwicklungen in der Agrar- und Lebensmittelindustrie finden Sie hier.

 

Quelle: Konzernatlas 2017, Online unter: www.oxfam.de/system/files/konzernatlas2017_web_170109.pdf

Bildquellen: Konzernatlas 2017: Cover, Konzernatlas 2017:S. 10, https://pixabay.com/de/kombinieren-ernte-landwirtschaft-1798659/